Quelle: FAZ vom 21.12.2008

Analphabetismus


Vom Wirrwarr zum Wusel

Von Lea Mittmann



21. Dezember 2008 „Für eventuelle Rechtschreibfehler entschuldige ich mich. Ich bin Legastheniker und ich war ein funktionaler Analphabet und befinde mich noch auf meinem Lernweg.“ Unter jeder E-Mail, die Tim-Thilo Fellmer verschickt, steht dieser Satz, dabei sind seine Nachrichten fast immer fehlerfrei. Doch das war nicht immer so. In Frankfurt leben heute fast 31.000 Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können, auch Fellmer konnte es nicht, nachdem er die Schule verlassen hatte. Vergangenheit. Heute ist er Kinderbuchautor.

Analphabetismus muss nicht bedeuten, dass jemand gar keine Buchstaben erkennen oder gar nicht schreiben kann. Die meisten Analphabeten sind in der Lage, ihren Namen zu buchstabieren, und viele von ihnen können ihren Namen und einfache Begriffe auf Papier bringen. Viele kennen die einzelnen Buchstaben, aber können keine Wörter daraus bilden, die Schrift ist ihnen ein Wirrwarr. Die gut 31.000 Analphabeten, die nach Schätzungen des Bundesverbandes für Alphabetisierung in Frankfurt leben, haben genau diese Schwierigkeiten – sie sind sogenannte funktionale Analphabeten, sie beherrschen so wenig Schriftsprache, dass sie diese nicht funktional im Alltag einsetzen können. Sie schreiben und lesen wie Grundschulkinder, die gerade beginnen, das zu lernen.

Chaos der Wörter

Tim-Thilo Fellmer wird in Frankfurt geboren und besucht die erste Klasse in Liederbach. Er muss das Jahr wiederholen, er ist oft krank, hat einfach zu viele Fehltage, kann das Versäumte nicht aufholen. Seine Lehrer hätten durchaus bemerkt, dass er kaum habe schreiben können. Auch beim Vorlesen müsse es ihnen aufgefallen sein, sagt er heute. Noch in der Grundschule wird ihm Legasthenie bescheinigt. Aus der Lese- und Rechtschreibschwäche, sagt Fellmer, sei der Analphabetismus erwachsen, keine Chance, im Chaos der Wörter etwas zu erkennen, kein Land in Sicht in einem Meer aus Zeichen. An ratlose Lehrer erinnert sich Fellmer; dass er nach elf Schuljahren seinen Hauptschulabschluss erreichte, habe vor allem daran gelegen, dass die Pädagogen ihm halfen. „Sie haben mich durchgezogen“, sagt er. Wie geht das, wenn einer Texte schreibt, die so voller Fehler sind, dass sie kaum lesbar scheinen? Wegen des meistens guten Inhaltes hat er Noten bekommen, die ausreichend waren. Einfach war das wohl nicht, vielleicht nicht für die Lehrer, für den Schüler auf keinen Fall – wenn er an diese Zeit zurückdenkt, sagt Fellmer, dann hat er ein ungutes Gefühl und spürt den Stress von damals.

Nach seinem Schulabschluss versucht Fellmer, alle Situationen zu vermeiden, in denen er schreiben muss. Er macht eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker, entwickelt immer neue Strategien, er will „nicht auffliegen“. Er ist darin geübt, seine Schwäche zu verbergen, lernt vieles auswendig, lebt in ständiger Angst, dass sein Unvermögen erkannt werden könnte. Und das Problem wird immer größer. Nicht nur, dass es keinen einzigen Beruf gibt, bei dem nicht ein Mindestmaß an Schriftsprache beherrscht werden muss, auch viele Alltagssituationen lassen den hilflos, der sie nicht beherrscht. Wenn er auf einem Amt ist, nimmt Fellmer alle Formulare mit nach Hause, „um sie in Ruhe zu lesen“. Später, als es dann Handys gab, ist er kurz rausgegangen, um Freunde um Hilfe zu bitten: „Ich habe es immer irgendwie geschafft, es zu verbergen, aber nie mit einem guten Gefühl.“

Die Angst bleibt im Gedächtnis

Bloß nicht zeigen, was ich nicht kann, ein ständiger Kampf, Konflikte überall, „auch solche, die weh tun“, sagt Fellmer. Der Spieleabend mit Freunden. Immer ist er derjenige, der gegen die Spiele ist, bei denen man lesen oder schreiben muss. Auch wenn alle anderen das Spiel spielen wollen, er bleibt stur, „keine Lust“. Das sei das Schlimmste gewesen damals, meint er heute: sich selbst ausgegrenzt, sich falsch verhalten zu haben, obwohl er eigentlich mitmachen und niemanden verletzen wollte. Das war schon in der Schule so, als Zettelchen hin und her gingen in der Klasse. Nie konnte er antworten, auch nicht auf Liebesbriefe. Er habe dann, sagt er, „immer versucht, es nach außen hin anders wirken zu lassen“, vor allem dadurch, dass er auf anderen Gebieten sehr gut war: ein erfolgreicher Sportler, ein guter Freund, ein Wortführer. Doch mit dem Erwachsenwerden beginnt sich das zu ändern.

Lesen können, sagt Fellmer, wollte er eigentlich immer, aber die Angst, vor dem Versagen, vor der Anstrengung auch, war noch größer als der Wunsch. „Weil man einfach nicht gerne das macht, was man nicht kann“, nicht gerne tut, wofür es Kritik hagelt, wenn man es versucht. Das Unbehagen lässt sich nur beiseiteschieben, nie ganz vergessen. Die Angst bleibt im Gedächtnis vor dem Lachen der Klassenkameraden, wenn vorgelesen wurde, die Erinnerungen an die schulischen Misserfolge bleiben lebendig. Dagegen zu kämpfen kostet zuerst Mut und fordert dann Disziplin.

Zuerst beginnt Fellmer, auch anderen als den allerengsten Freunden von seiner Schwäche zu erzählen. Und mit Mitte zwanzig beginnt er das Versäumte in einem Alphabetisierungskurs an der Volkshochschule nachzuholen. Geholfen habe ihm auch das Angebot in einem Lernportal im Internet, sagt er (www.ich-will-lernen.de.). Im Volkshochschulkurs beginnt er zu lesen. Erst was die Kursleiter vorgeben, einfache Texte, dann auch schwierigere: Arthur Miller, J. D. Salinger, George Orwell. Er entdeckt die Liebe zur Literatur, will irgendwann selbst schreiben. Vor allem die Kinderbücher von Astrid Lindgren hätten ihn inspiriert, sagt er.

Der Mann, der nicht lesen und schreiben konnte, hat eine Geschichte im Kopf, eine für Kinder, und jetzt kann er sie auch niederschreiben, „Fuffi der Wusel“. Um das Anderssein geht es darin und um die Furcht, das eingestehen zu müssen.

Mehr als tausend Exemplare vekauft

Inzwischen ist Fellmer 40 Jahre alt und hat mehr als tausend Exemplare seines Erstlingswerks verkauft, das er im Eigenverlag herausgebracht hat. Dennoch bleibt die Angst: „Ich mag es immer noch nicht, wenn mir jemand Fremdes beim Schreiben auf die Finger schaut. In diesen Situationen bin ich noch sehr angespannt“, sagt er. Nervös und aufgeregt war der Autor auch bei seinen ersten Lesungen. Die Kinder lachten, aber nicht über ihn, wie früher die in der Schule, seine Zuhörer freuten sich über den Text. Erst nach mehr als 50 Auftritten, sagt Fellmer, habe er sich entspannen können und die Aufmerksamkeit genießen. Mittlerweile arbeitet er an seinem zweiten Buch, und das Hörbuch von „Fuffi der Wusel“ soll bald erscheinen.

Wenn er nicht schreibt und in Kindergärten und Schulen liest, engagiert sich Fellmer für den Verband für Alphabetisierung und Grundbildung und für den Deutschen Volkshochschulverband. Für beide Verbände hält er Vorträge und gibt Workshops für Lehrer. Seit diesem Jahr beteiligt er sich zusätzlich am Projekt „Auf Ballhöhe“, für das er im Zusammenhang mit der „Literary Campaign“ der Frankfurter Buchmesse immer wieder bei verschiedenen Veranstaltungen dabei ist. Und wenn er das alles nicht tut, ist er immer noch als Taxifahrer im Rhein-Main-Gebiet unterwegs.

Tim-Thilo Fellmer hat seine Schwäche überwunden, hat Kraft aus ihr geschöpft. „Wie ein Fallschirmspringer mit Flugangst“ sei er auf sein Handicap zugegangen, so schildert er es im Rückblick, und habe eine Stärke daraus gemacht. Der Anhang an seine E-Mails sei wie ein Netz, „dadurch nehme ich mir die Anspannung“, und wenn jemand eine Erklärung für „komische Fehler“ suche, habe er gleich eine Antwort. Zu offenherzig? Er versuche heute vor allem, authentisch zu sein, sagt Fellmer: „Mein halbes Leben lang war ich das nicht.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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