Quelle Frankfurter Rundschau v. 04. Dez. 2008

Brille vergessen
Tim-Thilo Fellmers langer Weg vom Analphabeten zum Buchautor
VON SEBASTIAN AMARAL ANDERS

Manchmal ist Tim-Thilo Fellmer von sich selbst überrascht. Solche Momente können ganz unvermittelt kommen. Zum Beispiel, wenn der Kinderbuchautor bei einer seiner Lesungen in das Buch schaut, das er gerade in den Händen hält und feststellt: "Hey, das hast du geschrieben, das ist dein Buch." So richtig glauben kann Fellmer das manchmal selbst nicht. Bis vor zehn Jahren konnte der heute 40-Jährige weder richtig lesen noch schreiben.

Auch für Menschen, die sich dieser Fähigkeiten ganz selbstverständlich bedienen, ist die Karriere des Tim-Thilo Fellmer schwer zu fassen. Wie auch die Tatsache, dass Fellmer in diesem Land einen Schulabschluss gemacht hat. Dass man seine Ausbildung für abgeschlossen hielt, obwohl das geschriebene Wort für den jungen Mann ein Rätsel geblieben war. Rund zehn Jahre lang lebte der gebürtige Frankfurter nach dem Hauptschulabschluss ein Leben als funktionaler Analphabet.

Niveau eines Zweitklässers

"Funktional deshalb", erklärt er den umständlichen Begriff, "weil ich zwar die Buchstaben kannte, aber in der geschrieben Sprache nicht so funktionierte, wie das in der Gesellschaft nötig ist." Kurz gesagt: Über das Lese- und Schreibniveau eines Zweitklässers war Fellmer nie hinaus gekommen.

In der Schule haben sie ihn trotzdem Jahr für Jahr "mitgeschleppt", wie Fellmer es ausdrückt. Mit dem Begriff Legasthenie, so die Diagnose nach der zweiten Klasse, konnten seine Lehrer wenig anfangen. Weil sich der Junge mit einem guten rhetorischen Niveau durchschlagen konnte, sah niemand die Notwendigkeit, dem schriftlichen Unvermögen genauer auf den Grund zu gehen.

Sein halbes Leben hat Fellmer mit dem Versuch verbracht, diesen hoch belastenden Mangel zu verstecken. "Die üblichen Verdächtigen", sagt der Mann mit dem jugendlichen Gesicht auf die Frage, mit welchen Mitteln ihm das gelungen ist: Etwa den Arm in eine Schlinge zu legen, wenn ein Termin mit Schreibanforderungen anstand. "Oder der Klassiker: Brille vergessen", fällt Fellmer noch eine Ausrede ein. Im Restaurant, wenn die Speisekarte für ihn nur Buchstabensalat bereithielt, wiederholte er einfach die Bestellung seines Begleiters.

Lachen kann Fellmer über diese Dinge auch heute nicht. Zu gravierend ist die psychische Belastung, die der Analphabetismus für einen Menschen bedeutet. Wenn er aber über seine Karriere als Kinderbuchautor spricht, darüber, wie er das Trauma überwunden, (gar übertrumpft hat), entspannen sich seine Gesichtszüge. Dann merkt man, wie viel Freude ihm das geschriebene Wort heute macht, das zuvor sein größter Feind war.

Mit Mitte Zwanzig beschließt Tim-Thilo Fellmer, seinem Leben eine Wende zu geben. Er besucht Volkshochschul-Kurse, arbeitet beharrlich an seiner Lese- und Schreibschwäche. Langsam erschließt sich ihm die Welt der Bücher. Fellmer liest, liest immer mehr, verschlingt die Bücher geradezu als wolle er all das nachholen, was er bislang versäumt hat. "Ich habe gemerkt, was Bücher bewirken können", sagt er. In ihm reift der Entschluss, an diesem Wirkungsprozess teil zu haben. Tim-Thilo Fellmer beschließt, ein Buch zu schreiben.

Zum ersten Mal in seinem Leben formuliert Fellmer einen Text, der über drei Seiten hinausgeht. Fünf Jahre lang arbeitet er an dem Kinderbuch "Fuffi der Wusel". "Vielleicht habe ich mich auch selbst ausgebremst, weil ich Angst vor den Reaktionen darauf hatte", sagt er heute. Die Sorge war unbegründet. Die ersten 1000 Exemplare des hübsch illustrierten Buches für Kinder ab fünf Jahren sind inzwischen vergriffen, die Resonanz ausgesprochen positiv. Um das Buch auf den Markt zu bringen, hat Fellmer einen eigenen Verlag gegründet. "Mein Traum ist, einmal davon leben zu können." Demnächst erscheint sein Erstling auch als Hörbuch.

Den Fluch besiegt

Es war sein Onkel, der Fellmer erst darauf hinweisen musste, dass der Autor mit der Geschichte seine eigenen Erfahrungen verarbeitet hat. Zu Anfang wollte er das nicht wahrhaben, obwohl die Indizienlast erdrückend ist: Sein erster Werk handelt vom einem "Wusel" namens Fuffi, der sich durch ein kleines, aber entscheidendes Merkmal von den anderen Fantasiewesen seiner Gattung unterscheidet: Ihm fehlt die charakteristische rote Locke am Bauchnabel. Ein Manko, dass Fuffi versucht, vor seinen Mitmenschen zu verbergen - bis er den Fluch besiegt und die fehlende Locke stolz präsentieren kann. "Ja, die Geschichte hat viel mit mir zu tun", gibt sich Fellmer geschlagen.

Inzwischen hat er an die 100 Lesungen gehalten, schreibt am zweiten Buch. "Ich habe lange gebraucht, bis ich die Lesungen genießen konnte", sagt er heute. Noch immer liest er nicht perfekt, doch die Kinder hängen an seinen Lippen. "Vielleicht", sagt Fellmer, "weil ich so authentisch bin."

 


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